Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Der Orientalismus im 19. Jahrhundert aus dem Blickwinkel westlichen Maler
12.04.2022 user

Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Der Orientalismus im 19. Jahrhundert aus dem Blickwinkel westlichen Maler

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Wenn es eine historische Kunstbewegung gibt, die dem modernen Fantasy-Genre ähnelt, dann ist es der Orientalismus. Der Orient war für Europäer des 19. Jahrhunderts ein Ort von begehrenswerter Exotik, faszinierender Erotik und mystischer Geschichten. Mit einer mitreißenden Manier malten die Künstler des Orientalismus eindringliche Landschaften, schöne Kurtisanen, verschleierte Frauen und außergewöhnliche Gestalten wie den Schlangenbeschwörer. So gut wie alles am Orient war ganz anders als in den westlichen Heimatländern der Kunstschaffenden. Während die globalisierten Gesellschaften von heute sich immer mehr aneinander angleichen, konnte man damals noch von wahrer Fremde reden. Die kulturellen, ästhetischen und architektonischen Gegensätze zwischen dem Westen und dem Osten waren weitaus größer als sie es heute sind. Zudem kommt hinzu, dass es damals auch für einen renommierten Künstler eine Seltenheit war weit zu reisen. Die Maler, die sich den orientalischen Inhalten verschrieben hatten, stammten vorrangig aus Frankreich und Großbritannien und verließen sich bei ihren Sujets hauptsächlich auf ihre eigene Kreativität und auf Hörensagen. Viele von ihnen hatten ihr Heimatland nie verlassen. Dies hielt jedoch keinen davon ab, sich trotzdem der Sehnsucht nach der Ferne malerisch zu widmen.

Faszination Fremde

Eindringlich vielseitig ist die Szenerie des Orientalismus: Motive aus unterschiedlichsten Ländern fanden Verwendung, darunter Algerien, Ägypten, China, Indien und die Türkei. Wahrscheinlich strebten die meisten Maler eine möglichst realistische Wiedergabe der Lebenswelten an. Was den Orientalismus jedoch so beliebt machte, war die allgemeine Vision des Orients, welche die einzelnen Kulturen, Riten und Eingenarten mehr oder weniger zu einer Hauptidee zusammenfasste. Aus heutiger Sicht mag das stark generalisierend und fast schon karikierend wirken. Außerdem wurden östliche Stereotypen wie kulturelle Unterschiede in Sexualität, Moral und Mentalität häufig von den Kolonialmächten für politische Zwecke missbraucht.

Was den Orientalismus immer noch attraktiv macht, ist der fantasiereiche Umgang mit einer Reihe an Themen und Kunstformen, die von biblischen Bildern und historischen Gemälden bis hin zu ganzen Innenräumen und dekorativen Objekten reichen. Angelegt an das mediterrane Klima des Nahen Ostens dominieren satte, kräftige Farben wie kräftiges Orange, Scharlachrot und Gold, die zusammen eine Atmosphäre staubiger Hitze erzeugen.

Die Maler der orientalischen Bewegung waren weitgehend Anhänger der akademischen Kunstrichtungen. Dank des mythologischen Charakters ihrer Gemälde war es ihnen geschickt gelungen ihre erotischen Akte und sexuellen Inhalte einem breiten westlichen Publikum vorzustellen, ohne moralisch für unzulässig zu gelten. Aus einer distanzierten Lage betrachtet wurde selbst das bedeutende, aber anrüchige Schlüsselgenre, das Harembild, akzeptabel.

Napoleons werbewirksame Inszenierung

Die französisch-osmanischen Allianz die bis in das späte 18. Jahrhundert bestand, führte zu einem regen kulturellen und wissenschaftlichen Austausch. Der typisch türkische Stil in Kunst und Design wurde in Frankreich immer angesagter. Dieser Hype brachte sogar eine eigene kulturelle Bewegung mit sich: die Turquerie.

Napoleons Eroberung von Ägypten markierte nicht nur einen politischen Höhepunkt. Angeheizt von der sozialen Stimmung erlebte auch der Orientalismus seinen ersten Aufschwung und die orientalistischen Maler erklommen den Gipfel des kommerziellen Erfolges. Ägyptische Waren, darunter Bücher mit üppigen Illustrationen der Tempel und Gräber, strömten nach Frankreich und weckte das Interesse der Massen. Der Kaiser selbst nutzte den Rummel um den Orientalismus, um seinen politischen Kampagnen ein populären Anstrich zu geben. „Napoleon im Pesthaus von Jaffa“ (1804) von neoklassischen Künstler Antoine Jean Gros, Napoleons offizieller Maler, stellt den Besuch des Kaisers in syrischer Kulisse mit Moschee und Einheimischen dar.

Venus des Orients

Der wohl bekannteste Orientalist Jean-Auguste-Dominique Ingres manifestierte die neuste Mode seiner Zeit in innovativen Werken wie „La Grand Odalisque“ von 1814. Verträumt und gleichzeitig einladend schaut die Odalisk (der französische Begriff für eine Harems-Konkubine) auf dem Gemälde den Betrachter an. Mit dem eindeutigen Titel sowie der Verknüpfung von traditionellem Akt mit einer romantischen Interpretation des Fernen Ostens führte Ingres den Orientalismus in die akademische Kunstgesellschaft ein. In der Auftragsarbeit für Caroline Murat, Königin von Neapel und jüngste Schwester Napoleons, nutzt der französische Maler den mythologisch-märchenhaften-Kontext, um seine nahöstliche Venus darzustellen. Auch in seinen späteren Werken griff er wiederholt auf das Thema zurück, beispielsweise in „Odalisk mit Sklave“ (1839).

Sprungbrett für die Imagination

Bezeichnet für Ingres und die meisten Orientalisten war, dass sie selbst nie den Mittleren oder Nahen Osten besucht hatten. Diese sogenannten „Sessel-Orientalisten“ stützten sich vertrauensvoll und unbefangen auf die Berichte von Reisenden. Insbesondere zogen sie die Briefe der Lyrikerin Lady Mary Wortley Montagus heran – jedoch nur als grobe Orientierung. Montagus realistische Berichte über Menschen, Land und Sitten wurden von den männlichen Malern künstlerisch stark romantisiert. Beispielsweise beschrieb die englische Schriftstellerin türkische Bäder als „das Kaffeehaus der Frauen, in dem alle Neuigkeiten der Stadt erzählt werden“, während die männlichen Künstler den Badehausszenen zusätzlich einen erotischen Touch verpassten. Nichtsdestotrotz waren Montagus unmittelbare Erfahrungen beliebter Ausgangspunkt für die fiktiven Darstellungen der orientalistischen Bewegung.

Exotische Schönheiten

Insbesondere der französische Maler Eugène Delacroix fand Gefallen an den orientalischen Tendenzen in der Kunst. Im Jahre 1832 bereiste er Marokko und war damit eine der wenigen Orientalisten, die tatsächlich sahen, was sie abbildeten. Die in Marokko entstandenen Aquarelle und Skizzen nutze Delacroix als Vorlage für seine Gemälde, darunter „Die Frauen aus Algier in ihrer Wohnung“ von 1834. Als das Werk im selben Jahr im Pariser Salon ausgestellt wurde, äußerte sich der Kunstkritiker Gustave Plance wie folgt darüber: „Es ging um Malerei und nichts weiter. Um eine Malerei, die frisch, kraftvoll, mit Geist fortgeschritten und von einer Kühnheit ist, die völlig venezianisch ist.“ In der Tat wurde das Gemälde ein wegweisendes Vorbild für Orientalisten, die vorwiegend Haremsdamen und -szenen malten. Selbst Maler, die eher den Romantikern zugehörten, richteten ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf orientalische Themen und die Schönheit der dort lebenden Frauen.

Das heilige Land

Selbst die religiöse Malerei konnte sich dem starken Einfluss der Orientalisten nicht entziehen. Ersichtlich ist das in Gemälden von Künstlern, die den biblische Themen mit den naturalistischen Landschaften des Nahen Ostens mehr Wahrhaftigkeit verleihen wollten. Beispielhaft stehen dafür die Kunstwerke „Moses aus dem Nil“ (1837) und „Joseph von seinen Brüdern verkauft“ (1838) des Franzosen Alexandre-Gabriel Decamps. Auch für den britischen Maler William Holman Hunt, ein Pionier der Präraffaeliten, war die ethnografische Genauigkeit von großer Bedeutung. Dank seiner Reisen nach Palästina in den frühen 1850er Jahren gaben seine Bilder „Der Sündenbock“ (1854/55) und „Die Auffindung des Erlösers im Tempel“ (1854/55) authentische Landschaften des Nahen Ostens wider.

Eine ähnliche Herangehensweise verfolgte die sogenannte Peredvizhniki-Gruppe aus Russland. Die Gemälde der russischen Maler zeigen religiöse Szenen verortet in realitätsnahen Landschaften und Gebäuden Jerusalems, beispielsweise Ilya Repin „Die Auferweckung von Jairus ‚Tochter“ von 1871 sowie Vasily Polenovs „Christus und die Sünderin“ von 1886.

Idealisierte Fantasiewelten

Währenddessen feierte die Mittelschicht den Genremaler Alexandre-Gabriel Decamps. Auf seinen Bildern tummelten sich Kaufleute in Basaren sowie Kinder des Nahen Ostens beim Spielen.

Ähnlich bemerkenswerte Paradebeispiele orientalischer Genremalerei sind die Arbeiten der Franzosen Jean-Léon Gérômes („Der Mandolinenspieler“ von 1858) und Alphonse-Etienne Dinets („Tanzende und singende Mädchen“ von 1902). Der Höhenflug des französischen Orientalismus strahlte auf ganz Europa aus. Die Nachfrage stieg auch anderenorts. Führende Künstler wurden der österreichisch-französische Rudolf Ernst und der Brite John Frederick Lewis. In Deutschland war es Gustav Bauernfeind, der den Orientalismus populär machte und in südlichen Gefilden konnte sich die Malerei des Italieners Giulio Rosati durchsetzen. Letzter machte mit expliziten Haremsdarstellungen Furore. Das undatierte Bild mit dem Titel „Inspektion von Neuankömmlingen“ zeigt eine skandalöse Situation: Die Begutachtung einer nackten Konkubine. Solche Sklavenmarktszenen waren eng verbunden mit dem beliebten Genre der Haremsdarstellungen. Der Literaturwissenschaftler Edward Said bemerkte diesbezüglich treffend: Die Idealisierung des Harems stützt sich auf die westliche Sichtweise auf den Nahen Ostens als „einen Ort, an dem man nach sexuellen Erfahrungen suchen kann, die im Westen nicht erreichbar sind“. Auch im Osten blieben sie unerreichbar. Selbst wenn der ein oder andere Maler in den Orient reiste, stand er vor den Harems vor verschlossenen Türen: Geschlossene Gesellschaft. Dementsprechend sind die Gemälde des Harem-Genres reinste Fantasiegebilde ihrer Schöpfer.

Was kam danach?

In der Blütezeit des Orientalismus ermutigten sich die Künstler in Frankreich gegenseitig in die östlichen Länder zu reisen. Die leidenschaftlichsten Anhänger unter ihnen gründeten die „Gesellschaft französischer orientalischer Maler“ mit dem Ziel sich noch mehr Sichtbarkeit und stetigen Umsatz zu verschaffen. Unter der inoffiziellen Bezeichnung „algerische Malertruppe“ machten sich vor allem Maurice Bompard, Paul Leroy, Jean-Léon Gérôme und Eugene Giradet einen Namen. Regelmäßige Veröffentlichungen und gemeinsame Ausstellungen generierten einen gemeinsamen Schwerpunkt und Unterstützung von Sammlern, Presse und Liebhabern des Orientalismus. Trotz dieser ehrgeizigen Taten trat bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Stagnation ein. Der Glanz des einstigen Sterns verblasste allmählich aber sicher. Da der Orientalismus mit dem strengen akademischen Kunststil verbunden war, verpassten Gegner und Avantgardisten ihm die Stempel „anachronistisch“ und „reaktionär“. Die orientalistische Malerei galt vermehrt als veraltet und überholt. Nun begann der Impressionismus den Ton anzusagen. Doch selbst die impressionistischen Maler konnten sich nicht davon freisprechen, dass der Orientalismus ein Sprungbrett für ihre eigenen Arbeiten war. Der Japonismus und der Primitivismus waren eng verknüpft mit den Ideen der orientalistischen Malerei: Sich von exotischen, fernen Ländern anregen zu lassen war auch bei späteren Künstlergenerationen gang und gäbe. Sowohl Henri Matisses afrikanisch angehauchter Stil als auch Paul Gauguins Tahiti-Motive legen eine eindeutige Anregung der Fremde an den Tag. Ebenfalls verwurzelt im Orientalismus sind die Arbeiten von Paul Klee, Pablo Picasso, Wassily Kandinsky und Auguste Macke.

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